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Serie zum Thema Sicherheit - Teil 1

"Nachts hab ich auf der Strasse in mulmiges Gefühl"

Obwohl die Kriminalstatistik seit Jahren keinen nennenswerten Anstieg an Delikten verzeichnet, ist das subjektive Sicherheitsgefühl der Schweizerinnen und Schweizer gemäss Umfragen am Sinken. Insbesondere Frauen und ältere Menschen fühlen sich bedroht, wenn sie nachts alleine durch die Strassen gehen. Auch in Wallisellen.

Interview: Jeannine Horni

Reymond Spengler: Ich fühle mich vor allem nachts unsicher auf den Strassen. Tagsüber empfinde ich höchstens manchmal den Verkehr als Risiko.

Erika Lüthi: Auch ich achte darauf, dass ich nicht vom Bahnhof alleine nach Hause gehen muss, wenn ich nachts unterwegs bin. Das kommt zwar nur noch selten vor, aber wenn, dann habe ich immer ein mulmiges Gefühl, ob beim Umsteigen in Zürich oder auf dem Heimweg in Wallisellen.

Hanspeter Hartmann: Oft, wenn meine Frau und ich auswärts gehen wollen, sagt eines von uns: Nein, lassen wir das, da kommen wir erst wieder um neun oder zehn Uhr nachts nach Hause.

Vor wem oder was habt ihr denn Angst?

Raffaela Giannuzzi: Sagen wir es so: Wenn ich nachts alleine durch eine Unterführung laufe und einem älteren Ehepaar begegne, habe ich kein Problem. Wenn es aber ein oder zwei Jugendliche sind, bekomme ich Herzklopfen. Es ist eine Mischung aus Angst und Ohnmachtsgefühlen. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren sollte, wenn mich ein paar Jugendliche auf der Strasse provozieren würden. So im Stil von: "He, was machsch du da. Ghörsch doch ins Bett. Bisch doch e Müeti." Ich höre immer wieder von solchen Konfrontationen mit Jugendlichen. Sie können in Gewalt ausarten, wenn man falsch reagiert. Manchmal pöbeln sich auch Jugendliche untereinander an. Meine Kinder kommen immer wieder mit Bemerkungen wie: "Oh nein, ich nehme kein Geld mit in die Badi, das wird mir sowieso abgeknöpft." Alle meine Kinder haben solche Erfahrungen gemacht.

RS: Auch meine Frau und ich meiden nachts die Punkte, an denen sich Jugendliche aufhalten. Wir versuchen immer jemanden zu organisieren, der uns mit dem Auto abholt.

EL: Man kann aber auch am Tag Unangenehmes erleben. Als ich einmal im Zug von der Toilette zurückkam, sah ich von der Tür aus, wie ein Schweizer einen jungen Ausländer attackierte. Weiter vorn sass eine junge Frau. Ich wollte an ihr vorbei zu meinem Platz und sie pöbelte mich an: "Du gasch nöd da hindere." Wie mein Mann später erzählte, hatte der junge Mann mit dem Walkman Musik gehört. Den Schweizer störte offenbar, dass man die Musik leicht hören konnte. Aber er hat nicht etwa gesagt: "Sei so gut und mach deinen Walkman leiser", sondern schlug den Jungen einfach ins Gesicht, so dass er blutete. Schliesslich kam ein Mann, nahm den Angreifer beim Arm und sagte: "So komm, wir gehen raus." Später fragte der Kondukteur den Jungen, ob er eine Anzeige machen wolle, doch der sagte nein. Im Hauptbahnhof bekam ich mit, dass der Schweizer nochmals auf den Jungen losgehen wollte. Bei diesem Vorfall habe ich gemerkt: Wenn eines von uns sich eingemischt hätte, hätten wir damit rechnen müssen, geschlagen zu werden. Dieses Erlebnis hat mich sehr lange beschäftigt.

Und ein anderes Mal, als ich mit der S14 von Wetzikon zurückkam, bat eine ältere Frau ein paar Schüler höflich und nett, das Fenster zu schliessen, weil es ziehe. Die Jugendlichen fingen an auszurufen, knallten das Fenster schliesslich zu und fluchten: "Diä blödi Alti söll doch d'Schnorre hebe." Die Frau war völlig verdattert. Es waren bloss fünf Burschen, die sich so verhielten. Trotzdem hat man Angst zu intervenieren. Man weiss ja nie, ob die sich das nicht merken und dir dann anderswo abpassen.

Kann man sagen, die Jugendlichen besetzen in der Nacht den öffentlichen Raum?

RS: Das wäre übertrieben. Es sind bestimmte Orte.

RG: Ja, man trifft sie zum Beispiel bei der reformierten Kirche, auf dem Tambel, rund um das Jugendhaus und je nach Veranstaltung an weiteren Stellen. Es sind Orte, von denen man weiss: wenn ich dort vorbeikomme, muss ich damit rechnen, angepöbelt zu werden.

RS: Mir persönlich ist sowas noch nie passiert, aber ich würde beispielsweise nie nachts an die Walliseller Chilbi gehen. Das ist mir zu riskant. Jedes Jahr kommt es dort zu einer Schlägerei unter Jugendlichen. Ich verstehe nicht, warum die Polizei dort nicht präsent ist.

RG: Oft kommt die Polizei nicht mal, wenn man sie ruft. Bei der letzten Schlägerei, von der ich gehört habe, telefonierte ein Passant der Polizei. Die sagte nur: "Könnt ihr das nicht unter euch ausmachen?" Ich nehme an, die haben zu wenig Leute und müssen Prioritäten setzen.

HH: In Deutschland drehten früher Polizisten in grünen Uniformen zu Fuss die Runde. Sie hiessen passenderweise Schutzmänner. Ich bin sicher: wenn ich angegriffen würde und "Polizei" riefe, worauf ein patrouillierender Polizist mit einem Gummiknüppel angerannt käme, das würde schon Eindruck machen.

EL: Die Bahnpolizei in den S-Bahnen macht auch nicht so viel Eindruck. Randalierer und Vandalen gewöhnen sich daran.

HH: Der ZVV hat die Sache zu sehr schleifen lassen, bis er endlich diese Bahnpolizei einsetzte. Ich bin überzeugt, wenn wie früher ein Kondukteur mit Uniform und steifer Mütze, eine Respektperson, seine Tour gemacht hätte, wäre diese Entwicklung gebremst worden.

EL: Ein Kondukteur, der einen Jugendlichen auffordert, seine Schuhe vom Sitz zu nehmen, muss aber auch damit rechnen, angepöbelt zu werden.

RG: Die heutigen Jugendlichen haben den Respekt vor Älteren und Autoritätspersonen verloren. Das hat vor allem mit der Erziehung zu tun. Ich halte die antiautoritäre Erziehung für einen Misserfolg. Jugendliche, die sich selbst Grenzen setzen dürfen, kommen keineswegs besser durchs Leben und bereiten der Gesellschaft eher mehr als weniger Probleme.

Sind es vorwiegend ausländische Jugendliche, die nachts auf den Strassen rumhängen und pöbeln?

RS: Nein, keineswegs.

EL: Nein, es sind bei weitem nicht nur Ausländer. Auch Kinder von gut situierten Familien sind darunter. Auch in solchen Familien gibt es Kinder, die quer schlagen, und dann noch wie.

HH: Viele Oberstufenschüler bekommen von ihren gut verdienenden Eltern einen Töff. Damit lärmen sie bei uns im Quartier noch spät in der Nacht herum. Es läge doch an den Eltern, ihnen sowas zu verbieten.

Warum, denkt ihr, sind die heutigen Jugendlichen so?

EL: Die Kinder müssen heute sehr früh selbstständig sein. Kaum mehr jemand sagt ihnen, was gut und was schlecht ist. Der, der die Ellbogen am besten einsetzen kann, geniesst bei den Kollegen am meisten Respekt. Zudem haben die heutigen Jugendlichen keine Ziele und Aufgaben mehr. Kleider, Freizeitaktivitäten müssen etwas kosten, sonst sind sie nichts wert. Und wenn ein Jugendlicher es nicht vermag, ist er ein Nichts.

RG: Ich finde auch, dass die Eltern den Kindern zu wenig Leitlinien geben. Oft schieben sie die Erziehungsaufgabe an die Lehrer oder andere Betreuungspersonen ab. Wenn ich einem Kind am Mittagstisch etwas verbiete und es mault, zuhause dürfe es das, sag ich ihm klipp und klar: "Aber hier nicht." Dann muss es sich wahnsinnig Mühe geben.

EL: Ja, heute gehen viele Eltern den Weg des geringsten Widerstands. Sie wollen ihre Ruhe haben, wenn sie zuhause sind. Dann rücken sie schnell mal 20 Franken raus und sagen: "Geh, unternimm etwas und lass mich in Ruhe."

HH: Oft arbeiten beide Eltern. Da hängen die Kinder, 14-, 15-Jährige, manchmal stundenlang herum, da bei uns unten an der Ecke. Solche Kinder kommen anders heraus als jene, die in einer normalen Familie aufwachsen. Die hören, bis sie 20 sind, sicher 10'000 Mal "das macht man nicht" oder Ähnliches. Das spielt eine wichtige Rolle.

RS: Ich denke, die heutige Jugend ist ein Produkt des Wohlstands. Die Jugendlichen haben viel zu viel und bekommen alles, was sie wollen. Wenn etwas kaputt geht oder gestohlen wird, können sie es ohne weiteres ersetzen.

RG: Viele Jugendliche können auch nicht mehr kommunizieren. Sie sagen nichts, wenn sie etwas stört, sondern schlagen oft einfach zu.

EL: Ich denke, das Fernsehen und alle diese Gewalt-Videospiele haben auch einen Einfluss. Wenn Kinder so lange alleine zuhause sind, schauen sie viel zu viel Fernsehen.

Eine Frage zum Schluss: Habt ihr keine Angst vor Einbrechern?

RG: Der Gedanke an Einbrecher ist schon da. Ich schliesse nachts immer die Rollläden.

HH: Wir schliessen die Fenster, wenn wir fortgehen. Aber nachts haben wir sie offen.

EL: Ich habe nicht so viel Angst vor Einbrechern. Wenn sie wollen, kommen sie auf jeden Fall rein.

Die Gesprächsrunde: Hanspeter Hartmann, 85, ehemals Seminarlehrer für Biologie; Raffaela Giannuzzi, 39, kaufmännische Angestellte; Erika Lüthi, 71, ehemalige Postangestellte; Reymond Spengler, 82, ehemals Kaufmann.


 

 
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