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Serie zum Thema Sicherheit - Teil 3

"Die Bereitschaft, Aggressionen abzulassen, ist stark gestiegen"

Berichte über Jugendliche, die Mitschüler bedrohen und ihnen das Taschengeld oder das Handy abknöpfen, erschüttern immer wieder die Öffentlichkeit. Auch Gewalt und Vandalismus an Schulen sind mittlerweile ein allgegenwärtiges Thema. Wie präsentiert sich die Lage auf den Walliseller Schulwegen und Pausenplätzen?

Interview: Jeannine Horni

Renate Morneault, 36, Schulleiterin im Oberstufenschulhaus Bürgli

Die Bereitschaft der Jugendlichen, Aggressionen abzulassen, ist in den letzten Jahren eindeutig gestiegen, nicht nur bei Buben, sondern auch bei Mädchen. Zwar gab es auch während meiner Schulzeit Konflikte, hin und wieder Raufereien, doch nicht in dieser Schärfe wie heute. Ausserdem gingen wir verbal nicht so aggressiv miteinander um. Die heutigen Jugendlichen verstehen das Austeilen von Schimpfwörtern als Ausdruck von "Coolness". Oft sind es Gruppen, die sich gegenseitig heruntermachen und mobben. Und weil die Jugendlichen heute ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben, gibt es Gruppen jeder Art, ob sie sich nun über ein Idol, musikalische Vorlieben oder Nationalitäten definieren.

Gibt es im Bürglischulhaus auch Schüler, die Waffen tragen?

Ja. Aber wie viele es sind, ist uns Lehrerinnen und Lehrern nicht bekannt. Wir haben kein Recht, die Schüler präventiv zu durchsuchen. Erfahren haben wir davon erst, als gewisse Schüler in Konfliktsituationen Messer zogen, die wir dann beschlagnahmten.

Worauf führen sie die steigende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen zurück?

Letztlich spiegelt sie nur die Welt der Erwachsenen wider. Die Erwachsenen leben den Kindern aggressives Verhalten vor. Tagtäglich hört man von Konflikten, die mit Gewalt gelöst werden, von Angestellten, die gemobbt werden, von Vätern, die ihre ganze Familie töten. Selbst die Vandalenakte, die durch Jugendliche begangen werden, sind ein Spiegelbild der Zerstörungen, wie sie Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen hinterlassen. Tag für Tag zeigt das Fernsehen solche Bilder. Die Videospiele für Jugendliche nehmen diese Bilder eigentlich nur auf.

Wie häufig sind Diebstähle im Bürglischulhaus?

Es wird recht viel gestohlen. Das dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass viele Kinder teure Kleider, Handys und grössere Summen Geldes mit sich tragen. So ist einerseits der finanzielle Schaden höher, wenn gestohlen wird. Andererseits liegt bei den Dieben die Hemmschwelle tiefer, weil sie davon ausgehen, dass der oder die Bestohlene sowieso schon genug besitzt und den Verlust problemlos verkraftet. Ich versuche meinen Schülerinnen und Schülern einzuschärfen, möglichst keine teuren Sachen mit sich herumzutragen. Mir kommt eigentlich nie zu Ohren, dass ein Kind von Mitschülern auf dem Schulweg genötigt wurde, sein Geld oder das Handy herzugeben. Doch vermutlich gibt es hier eine Dunkelziffer. Eigentlich läge es an den Eltern, solche Vorfälle publik zu machen.

Was kann man zur Bekämpfung von Jugendgewalt tun?

Meiner Ansicht nach müssten verstärkt die Eltern einbezogen werden. An der Schule selbst unternehmen wir viel. Seit vier Jahren bilden wir Schülerinnen und Schüler, die sich freiwillig melden, zu Peacemakern aus. Sie werden von Profis in Konfliktlösungsstrategien geschult und haben die Aufgabe, Konflikte möglichst zu entschärfen, bevor sie eskalieren. Daneben gibt es eine Gruppe von Lehrpersonen, in der seit zwei Jahren auch Schüler dabei sind. Sie beobachtet, ob sich bestimmte Konflikte häufen, und interveniert bei Bedarf. Diese Möglichkeit, vor Ort zu reagieren, hat eindeutig Vorteile.

Zusätzlich setzen wir alles daran, dass die Anonymität abgebaut wird, dass sich die Schülerinnen und Schüler untereinander besser kennen lernen. Deshalb führen wir immer wieder gemeinsame Projekte durch. Auf diese Weise ist es uns zum Beispiel gelungen, die Fronten zwischen den verschiedenen Stufen aufzuweichen. Wenn man die Jugendlichen kennt, hat man keine Angst vor ihnen. Natürlich kann ich verstehen, dass sich ältere Menschen manchmal von Jugendlichen bedroht fühlen. Auch ich wurde im Zug schon angepöbelt und hatte in Gegenwart einer Gruppe von Jugendlichen ein mulmiges Gefühl. Aber auf dem Pausenplatz geht es mir nicht so: Da kenne ich die Schüler und weiss, wie sie reagieren und warum sie so reagieren.

Ahmet Gönül, 44, Elektrotechniker

Wenn ich Angst habe um meine Kinder, dann vor allem wegen des Verkehrs. Meine kleine Tochter, die jetzt in den Kindergarten geht, habe ich lange Zeit begleitet und ihr ganz genau eingeschärft, an welchen Stellen sie sich wie verhalten soll. Jetzt habe ich das Gefühl, ich hätte ihr so viel mitgegeben, dass sie alleine auf sich aufpassen kann. Aber natürlich muss man immer damit rechnen, dass etwas passiert. Ich fände es gut, wenn als Sicherheitsmassnahme an gefährlichen Stellen des Schulwegs Mütter eingesetzt würden, um die Kinder zu führen, zum Beispiel über Fussgängerstreifen. Das habe ich in einigen Gemeinden schon gesehen, und das wäre auch in Wallisellen gut. Meine zwei grösseren Kinder sind noch nie von Mitschülern bedroht worden. Sie besitzen auch nichts, das sich zu stehlen lohnt. Nur meiner Tochter ist in der Schule mal ein Handy abhanden gekommen. Natürlich beklagen sich die Kinder manchmal, weil sie keine dieser teuren Markenkleider besitzen. Aber ich sage ihnen immer: man soll nicht vorgeben, etwas anderes zu sein, als man ist.

Ich bin im Kanton Appenzell aufgewachsen und zur Schule gegangen. In meiner Klasse gab es einige wenige Italiener und zwei Türken. Natürlich kam es zu Hänseleien, aber kaum zu Schlägereien. Ich war damals ein Junge, der sich sagte: "Der Gschiiter git noh". Wie man mit Konflikten umgeht, hat in meinen Augen auch etwas mit Intelligenz zu tun. Ich bin überzeugt, dass die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen stark von gesellschaftlichen Konflikten beeinflusst ist, zum Beispiel von der Ausländerfeindlichkeit. Das färbt auf die Schülerinnen und Schüler ab. Sicher tragen ausländische Jugendliche dazu bei, dass die Gewaltbereitschaft steigt. Das hat unter anderem damit zu tun, dass viele aus Kriegsgebieten kommen und mit Gewalt aufgewachsen sind. Vielleicht müssten die Schweizerinnen und Schweizer mehr versuchen zu verstehen, was diese Menschen erlebt haben.

Stefan Meier, 10 Jahre alt

Ich besuche im Bürglischulhaus Klavierunterricht und Logopädie. Einmal wollte ich nach dem Unterricht mein Velo holen, und da waren alle Velos vor und im Unterstand umgeworfen. Die Mountainbikes lagen auf einem Haufen und die normalen Velos auf einem anderen. Ich wollte die Velos aufstellen, konnte aber nicht, weil sie so schwer waren. Einmal habe ich sogar zugeschaut, wie ein paar Buben, so etwa dritte Oberstufe, alle Velos auf einmal packten und umwarfen. Und einmal sah ich einen, der war etwa 15 Jahre alt, wie er ein abgeschlossenes Velo, so ein schönes Stadtvelo, hinter das Schulhaus schleppte. Ich wollte wissen, was er damit macht, und bin ihm gefolgt. Er hatte eine grosse Zange bei sich und durchschnitt das Schloss und fuhr dann mit dem Velo weg. Es waren ein paar Mädchen dabei, sie tranken Bier und rauchten Zigaretten. Als sie den Jungen mit dem Velo wegfahren sahen, sind sie hinter ihm her gerannt und haben gerufen: "Lass mich mitfahren."

Die Gesprächspartner: Renate Morneault, Ahmet Gönül, Stefan Meier


 

 
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